„Das ist doch nur psychisch!“ – Stimmt manchmal. Und manchmal nicht.
- Claudia

- vor 28 Minuten
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Wie Körper, Psyche und Lebensumfeld zusammenwirken. Und warum körperliche Beschwerden von der Psyche ausgehen können – und umgekehrt.

Kennst du das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmt – aber du nicht genau sagen kannst, was? Die Erschöpfung sitzt tiefer als nach einem langen Tag. Innere Unruhe oder Nervosität lassen sich durch kein vorangegangenes Ereignis ausreichend erklären. Der Schlaf bringt keine Erholung. Oder da ist dieses Herzrasen, das kommt und geht, ohne erkennbaren Grund. Vielleicht auch das Gefühl, dass die Luft wegbleibt – kurz, heftig, aus dem Nichts. Und danach die Frage: War das vielleicht gerade ein Herzinfarkt?
Solche Momente sind für viele Menschen der Punkt, an dem sie zum ersten Mal spüren, wie eng Körper und Psyche miteinander verbunden sind – und wie schwer es manchmal ist, das eine vom anderen zu unterscheiden. Was sich anfühlt wie ein medizinischer Notfall, kann eine Panikattacke sein. Und es gilt auch umgekehrt: Was aussieht wie ein psychisches Problem, hat manchmal eine körperliche Ursache, die noch niemand gesucht hat. Was wie reine Erschöpfung oder ein Stimmungstief wirkt, kann auf eine behandlungsbedürftige Depression hinweisen – eine Erkrankung, die nach aktuellem Forschungsstand multifaktoriell entsteht, also aus dem Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren. Die Antwort, die viele trotzdem hören – von anderen oder von sich selbst – lautet: „Das ist doch nur psychisch!" Und damit ist die Sache irgendwie erklärt. Abgehakt. Als wäre „psychisch" ein Grund, nicht weiter hinzuschauen. Dabei fängt genau dort die eigentliche Frage erst an: Was steckt wirklich dahinter?
Was das Herzrasen mit der Schilddrüse zu tun haben kann
Wenn jemand mit solchen oder ähnlichen Beschwerden in meine Praxis kommt, gehört zum ersten Schritt die Frage: Wurde körperlich schon etwas abgeklärt? Denn einige körperliche Faktoren können psychische Symptome verursachen oder verstärken. Ein klassisches Beispiel ist die Schilddrüse: Eine Unterfunktion kann sich durch Antriebslosigkeit, Niedergeschlagenheit und Konzentrationsprobleme äußern – Symptome, die leicht als Depression eingeordnet werden. Eine Überfunktion kann hingegen Nervosität, innere Unruhe und Angst verstärken.
Das bedeutet nicht, dass hinter jedem Symptom eine körperliche Erkrankung steckt. Herzrasen kann ebenso ein typisches Symptom einer Panikstörung oder anderer Angsterkrankungen sein. Aber genau deshalb ist die ärztliche Abklärung kein Umweg, sondern die Grundlage: Körperliche Ursachen zu erkennen oder auszuschließen ist Aufgabe der Medizin. Meine Arbeit beginnt dort, wo diese Basis geschaffen ist.
Warum ein weiterer Blick oft sinnvoll ist
Wenn körperliche Faktoren eingeordnet sind, rückt die psychotherapeutische Arbeit in den Mittelpunkt. Verhaltenstherapeutische Verfahren gehören zu den am besten untersuchten Ansätzen in der Psychotherapie. Sie setzen konkret an Gedanken, Bewertungen und Verhaltensmustern an und können bei vielen Störungsbildern wirksam eingesetzt werden. Gleichzeitig zeigt sich im Alltag häufig: Psychische Beschwerden entstehen selten isoliert. Wer dauerhaft unter Anspannung steht, schlecht schläft oder sich in belastenden Lebenssituationen befindet, erlebt oft, dass sich Symptome hartnäckig halten, selbst wenn Zusammenhänge bereits verstanden sind.
Hier wird deutlich, dass psychische Prozesse eng mit körperlichen Reaktionen und alltäglichen Bedingungen verknüpft sind. Anhaltender Stress kann sich in erhöhter Anspannung, innerer Unruhe oder Erschöpfung zeigen. Fehlende Erholungsphasen verstärken diesen Zustand zusätzlich. Auch die Ernährung spielt in diesem Zusammenhang eine Rolle: Über die sogenannte Darm-Hirn-Achse kommunizieren Darm und Gehirn in beide Richtungen – und aktuelle Forschung legt nahe, dass eine ausgewogene Nährstoffversorgung den psychischen Gesundheitsstatus beeinflussen kann. Deshalb kann es sinnvoll sein, neben der psychotherapeutischen Arbeit auch Faktoren einzubeziehen, die direkt den Alltag und die körperliche Regulation betreffen – etwa den Umgang mit Stress, Schlafgewohnheiten, das Aktivitätsniveau oder die Ernährung. Verfahren wie die Progressive Muskelrelaxation, gezielte Bewegung oder eine strukturierte Balance von Belastung und Erholung können dazu beitragen, die Voraussetzungen für Veränderung zu verbessern. Diese Ansätze ersetzen keine Psychotherapie, können sie aber sinnvoll ergänzen.
Warum Kontext eine Rolle spielt
Neben körperlichen Faktoren spielt auch der Lebenskontext eine entscheidende Rolle. Psychische Beschwerden stehen häufig im Zusammenhang mit wiederkehrenden Mustern – in Beziehungen, im Alltag oder im Umgang mit Anforderungen. Angststörungen, Depressionen, Anpassungsstörungen oder die Folgen belastender Erfahrungen hängen oft mit Mustern zusammen, die ihren Ursprung in Beziehungen, Lebenssituationen oder früheren Überlebensstrategien haben. Was einmal sinnvoll und schützend war, kann heute zur Belastung werden – und sich im weiteren Verlauf in einschränkende Verhaltensweisen verwandeln, die schwer zu durchbrechen sind.
Die systemische Perspektive erweitert den Blick genau an dieser Stelle. Sie fragt nicht nur, was in einer Person passiert, sondern auch, in welchem Zusammenhang dieses Erleben steht: Welche Dynamiken zeigen sich im Alltag? Welche Muster wiederholen sich in Familie, Partnerschaft oder Beruf? Und welche Ressourcen sind bereits vorhanden, werden aber noch zu wenig genutzt? Das zu erkennen, zu verstehen und schrittweise zu verändern – das ist ein Bereich, in dem die Systemische Therapie wertvolle Ergänzungen bieten kann.
Warum ich von Systemischer Gesundheitsberatung spreche

Diese drei Ebenen – Psychotherapie, Lebenskontext und körperbezogene Faktoren – sind es, die ich unter dem Begriff Systemische Gesundheitsberatung zusammenfasse. Sie orientieren sich am sogenannten Biopsychosozialen Modell, das davon ausgeht, dass Gesundheit und Krankheit aus dem Zusammenspiel biologischer, psychischer und sozialer Faktoren entstehen. Systemische Gesundheitsberatung beschreibt die Verbindung von drei klar unterscheidbaren Bereichen: Psychotherapie als Kern – für die Behandlung psychischer Beschwerden und Störungen –, die systemische Perspektive auf Beziehungen und Zusammenhänge sowie, wenn sinnvoll, gesundheitsbezogene Aspekte aus der Prävention: Stressregulation, Schlaf, Bewegung und Ernährung.
Als Heilpraktikerin für Psychotherapie bin ich nicht an die Vorgaben der kassenärztlichen Richtlinienverfahren gebunden. Das ermöglicht es, verhaltenstherapeutische und systemische Methoden dort zu kombinieren, wo es sinnvoll ist – und gleichzeitig körperbezogene Faktoren mitzudenken, ohne medizinische Diagnostik zu ersetzen. Das bleibt ärztliche Aufgabe. Der Ansatz ist keine eigene Therapieform und keine Alternative zur Medizin. Er erweitert den Blick mit dem Ziel, Zusammenhänge differenzierter zu verstehen und Veränderung im Alltag tragfähig zu machen.
Veränderung braucht Boden
Erkenntnisse entstehen im Gespräch. Ihre Wirkung entfalten sie im Alltag. Wie jemand mit Belastung umgeht, ob Erholung tatsächlich gelingt, welche Strukturen stabilisieren und welche eher zur erneuten Überforderung führen – das ist kein Randthema, sondern ein wesentlicher Teil von Veränderung. Prävention bedeutet in diesem Zusammenhang nicht Verzicht oder Optimierung um jeden Preis. Es geht darum, Bedingungen zu schaffen, die im eigenen Alltag überhaupt umsetzbar sind. Was nützt die beste Erkenntnis, wenn sie im täglichen Leben keinen Platz findet?
Veränderung entsteht dort, wo Gedanken, Verhalten, körperliche Reaktionen und Alltag zusammenkommen. Die Systemische Gesundheitsberatung versucht, diese Ebenen nicht getrennt zu behandeln, sondern in ihrem Zusammenspiel zu verstehen – mit dem Ziel, dass das, was sich im Gespräch entwickelt, im alltäglichen Leben tatsächlich trägt.
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Claudia Czech
Praxis für Psychotherapie nach Heilpraktikergesetz | Systemische Beratung | Gesundheitscoaching
Deggingen | Online | Region Stuttgart–Ulm
Wenn du das Gefühl hast, dass hinter deiner Belastung mehr steckt als ein reines „Kopfproblem" – dass dein Alltag, dein Umfeld oder auch körperliche Faktoren eine Rolle spielen könnten –, kann es sinnvoll sein, diese Zusammenhänge genauer anzuschauen. Wenn du klären möchtest, ob eine Zusammenarbeit für dich passen könnte, kannst du dich gerne melden. Ein erstes Gespräch ist unverbindlich und kann im Rahmen einer Fernberatung online oder vor Ort in meiner Praxis in Deggingen stattfinden.
Quellen
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