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Von Spinnenphobie bis Flugangst – wenn die Welt heimlich kleiner wird

Aktualisiert: vor 3 Tagen

Eine Frau mit Angst vor großer Spinne

Hast du schon mal eine Einladung ausgeschlagen – nicht, weil du keine Zeit hattest, sondern weil der Ort der Feier in dir Unbehagen oder sogar Panik ausgelöst hat? Vielleicht, weil der Gastgeber einen großen Hund hat oder weil du dorthin fliegen müsstest? Oder hast du einen wichtigen Vorsorgetermin wieder einmal verschoben, weil der Gedanke an eine Spritze kaum auszuhalten ist?


Solche Situationen sind gar nicht so selten. Viele Menschen leben mit sogenannten spezifischen Phobien, also starken Ängsten vor bestimmten Tieren, Situationen oder medizinischen Eingriffen. Oft scheint das zunächst kein großes Problem zu sein. Wer in unseren Breitengraden unter einer Ophidiophobie – also einer Schlangenphobie – leidet, wird im Alltag meist kaum Einschränkungen erleben. Doch bei Ängsten vor Höhe, Spinnen, anderen Tieren, Spritzen, dem Zahnarzt oder dem Fliegen kann das anders aussehen – auch wenn die Fachsprache dafür manchmal ziemlich exotische Namen bereithält: Arachnophobie, Dentophobie, Aviophobie und viele mehr.


Die schleichende Einengung


Im Gegensatz zur Agoraphobie – der Angst vor Situationen oder Orten, aus denen man schwer entkommen kann oder in denen im Falle einer Panikreaktion keine Hilfe verfügbar scheint – oder der sozialen Phobie, bei der die Sorge vor Bewertung durch andere Menschen im Mittelpunkt steht, wirkt die spezifische Phobie zunächst oft harmlos. Gerade weil man dem Auslöser scheinbar gut ausweichen kann.


Doch genau darin liegt ihre Tücke. Man gewöhnt sich an kleine Anpassungen im Alltag: Zunächst schreckt man vielleicht nur zurück, wenn man eine Spinne entdeckt. Mit der Zeit kann es passieren, dass man ein ganzes Kellergeschoss meidet. Wechselt man anfangs nur die Straßenseite, wenn ein Hund entgegenkommt, ist im Extremfall ein Besuch bei Freunden nicht mehr möglich, nur weil dort ein Hund lebt. Arzttermine werden verschoben. Eine Flugreise zur Traumhochzeit der eigenen Tochter erscheint plötzlich schlicht unmöglich.


So merkt man oft erst spät, wie sehr die eigenen Entscheidungen von der Angst mitbestimmt werden – und wie der persönliche Lebensraum langsam kleiner wird.


Auf Agoraphobie, soziale Phobie sowie die häufig damit verbundenen Panikattacken werde ich in einem späteren Beitrag noch ausführlicher eingehen. In diesem Artikel geht es bewusst um die Phobien, die oft als vergleichsweise „harmlos“ erscheinen: die spezifischen Phobien.


Ein Blick hinter die Kulissen: Warum Angst bleibt


Die Wissenschaft liefert eine wichtige – und oft entlastende – Erkenntnis: Du bist mit solchen Erfahrungen nicht allein. Epidemiologische Studien zeigen, dass etwa 7 bis 12 % der Bevölkerung im Laufe ihres Lebens eine spezifische Phobie entwickeln (Stinson et al., 2007). Häufig beginnt sie bereits in der Kindheit oder Jugend.


Ein zentraler Mechanismus dabei ist Vermeidung. Wenn du einer angstauslösenden Situation ausweichst – also nicht fliegst, den Keller meidest oder den Arzttermin verschiebst – erlebst du sofort Erleichterung. Für dein Gehirn wirkt das wie eine Belohnung. Die Situation wird so immer stärker mit einer automatischen Angstreaktion verknüpft. Es lernt: „Die Flucht hat funktioniert.“ Was das Gehirn dabei jedoch nicht erfahren kann, ist, dass eigentlich keine reale Gefahr bestand. So stabilisiert sich ein Verhalten, das ursprünglich einmal als Schutzreaktion entstanden ist.


Langzeitstudien zeigen außerdem, dass spezifische Phobien im Lebensverlauf häufig gemeinsam mit anderen Angststörungen auftreten. Forschende sprechen hier von einer Vulnerabilität für Angststörungen (Beesdo-Baum & Knappe, 2012). Das bedeutet nicht, dass aus einer spezifischen Phobie zwangsläufig eine andere Störung entsteht – aber sie kann ein Hinweis darauf sein, dass bestimmte Angstmechanismen besonders stark ausgeprägt sind.


Umlernen Schritt für Schritt – Exposition und kognitive Verhaltenstherapie


Die gute Nachricht ist: Was erlernt wurde, kann grundsätzlich auch wieder verändert werden. In Leitlinien und Studien zählt die kognitive Verhaltenstherapie bei Phobien und anderen Angststörungen zu den am besten untersuchten psychotherapeutischen Ansätzen. Ein zentraler Bestandteil ist dabei die sogenannte graduierte Exposition – die schrittweise Annäherung an das angstauslösende Thema.


Eine Konfrontation mit der Angst erfolgt also nicht abrupt, sondern in einer individuell aufgebauten Angsthierarchie. Bei Flugangst kann das zum Beispiel damit beginnen, sich zunächst intensiver mit dem Thema Fliegen auseinanderzusetzen: Wie funktioniert ein Flugzeug? Was passiert bei Turbulenzen? Welche Sicherheitsmechanismen gibt es? Ein nächster Schritt kann sein, einen Flughafen zu besuchen und einfach zu beobachten: Flugzeug startet. Flugzeug landet. Flugzeug startet. Flugzeug landet. Immer wieder. Viele Menschen erleben dabei etwas Entscheidendes: Die erwartete Katastrophe bleibt aus. Diese Erfahrung kann helfen, den bisherigen Angstkreislauf zu durchbrechen.


Therapeutin beobachtet mit Flugangst-Patient startende und landende Flugzeuge

Auch bei Tierphobien wird sehr behutsam vorgegangen. Wer große Angst vor einem Tier hat, nimmt es oft nicht mehr als neutrales Lebewesen wahr, sondern als potenziell gefährliches Raubtier. Deshalb beginnt die Arbeit meist nicht mit einer direkten Begegnung, sondern damit, dieses innere Bild langsam zu erweitern – etwa über ausgewählte Bilder oder Videos. So kann Schritt für Schritt ein anderer Blick entstehen: Man sieht z.B. nicht mehr nur das vermeintlich bedrohliche Tier, sondern vielleicht eine Katzenmutter, die liebevoll ihr Junges umsorgt. In solchen Momenten beginnt die Angst oft, ein Stück ihrer Macht zu verlieren.


Die kognitive und systemische Perspektive


Neben den verhaltenstherapeutischen Ansätzen, die auf dem angeführten Prinzip der Lerntheorie aufbauen, spielt folglich auch die kognitive Bewertung und Umstrukturierung eine wichtige Rolle – also die Frage, wie wir eine Situation innerlich einordnen.


Wie stark sich ein solcher Perspektivwechsel anfühlen kann, habe ich bereits selbst erlebt. Früher waren Wespen für mich vor allem lästige Gäste bei jeder Grillparty – störend, aufdringlich und ehrlich gesagt einfach unnütz. Dann sah ich einen Naturfilm, der Wespen aus einer ganz anderen Perspektive zeigte. Die Geschichte wurde aus der Sicht einer Wespenmutter erzählt, mit einer zarten, fast entschuldigenden Stimme: Sie erklärte, dass ihre Jungen ständig hungrig sind und sie unermüdlich auf Nahrungssuche gehen muss. In diesem Moment kippte etwas in mir. Plötzlich sah ich nicht mehr nur das potenziell stechende Insekt, sondern ein Lebewesen, das sich fürsorglich um seinen Nachwuchs kümmert. Die Wespen waren danach nicht plötzlich meine Lieblingstiere – aber ich konnte sie mit ganz anderen Augen sehen und deutlich gelassener reagieren.


Solche Perspektivwechsel spielen auch in der Therapie eine wichtige Rolle. Und hier kommt bei meiner Arbeit zusätzlich der systemische Blick ins Spiel: Wir schauen gemeinsam darauf, welche Funktion eine bestimmte Angst vielleicht einmal im eigenen Leben hatte – etwa als Schutz oder als sinnvolle Reaktion auf frühere Erfahrungen – und ob sie heute noch notwendig ist oder durch hilfreichere Strategien ersetzt werden könnte.


Wenn Angst den Handlungsspielraum einschränkt


Viele Menschen arrangieren sich lange mit bestimmten Ängsten, weil sie den auslösenden Situationen im Alltag relativ gut ausweichen können. Dadurch entsteht oft der Eindruck, man müsse mit einer solchen Phobie einfach leben. Doch manchmal zeigt sich erst mit der Zeit, wie stark sich Entscheidungen im Alltag an diese Angst anpassen. Wege werden anders geplant, Situationen vorsorglich vermieden oder Möglichkeiten gar nicht mehr in Betracht gezogen. Der eigene Handlungsspielraum verändert sich – oft so schleichend, dass es lange kaum auffällt.


Gerade in solchen Fällen kann es hilfreich sein zu wissen, dass spezifische Phobien zu den Angstformen gehören, für die es gut untersuchte therapeutische Ansätze gibt. Viele Menschen erleben im Laufe einer Behandlung, dass sich ihr Verhältnis zur Angst verändern kann und neue Erfahrungen möglich werden.


Fazit: Wenn sich der Raum wieder öffnet


Angst gehört zum menschlichen Erleben dazu. Sie schützt uns, warnt uns und kann in bestimmten Situationen sinnvoll sein. Problematisch wird sie erst dann, wenn sie beginnt, das eigene Leben zu stark zu begrenzen.


Nicht jede spezifische Phobie braucht eine Behandlung. Doch dort, wo Angst den eigenen Handlungsspielraum merklich verkleinert, kann es sich lohnen, genauer hinzuschauen. Manchmal entsteht gerade aus diesem Schritt die Möglichkeit, verlorenen Raum Stück für Stück wieder zurückzugewinnen.



Claudia Czech

Praxis für Psychotherapie nach Heilpraktikergesetz | Systemische Beratung | Gesundheitscoaching


Wenn du Fragen zu den beschriebenen Ansätzen hast oder wissen möchtest, welche Möglichkeiten es bei der Therapie von Angst oder spezifischen Phobien gibt, kannst du dich gerne unverbindlich melden.




Quellen

Beesdo-Baum, K., & Knappe, S. (2012). Developmental epidemiology of anxiety disorders. Child and Adolescent Psychiatric Clinics of North America, 21(3), 457–478.


Craske, M. G., Treanor, M., Conway, C. C., Zbozinek, T., & Vervliet, B. (2014). Maximizing exposure therapy: An inhibitory learning approach. Behaviour Research and Therapy, 58, 10–23.


Stinson, F. S., Dawson, D. A., Chou, S. P., Smith, S., Goldstein, R. B., Ruan, W. J., & Grant, B. F. (2007). The epidemiology of DSM-IV specific phobia in the USA. Psychological Medicine, 37(7), 1047–1059.


Craske, M. G., & Barlow, D. H. (2007). Mastery of Your Anxiety and Panic. Oxford University Press.


American Psychiatric Association (2013). Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders (DSM-5).


National Institute for Health and Care Excellence (NICE). (2011). Generalised anxiety disorder and panic disorder in adults: management.

 
 
 

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